Stell dir vor, deine persönlichen Grenzen sind wie ein sanfter, irisierender Farbring, der dich umgibt – ein
zarter Schimmer, der je nach Licht und Stimmung in all deinen Herzensfarben leuchtet. Mal glänzt er wie
das satte Smaragdgrün eines Frühlingsmorgens, mal glimmt er geheimnisvoll in tiefblauem Samt wie die
Dämmerung. Dieser leuchtende Kreis schafft einen Raum um dich, zart und klar, den nur du betreten
darfst, wann immer dir danach ist – ein Raum, der deinen innersten Kern behütet.
Grenzen zu setzen ist, als würdest du am Ufer deines eigenen Sees stehen, das Wasser ruhig und
spiegelglatt. Du wirfst kleine Kiesel aus Wertschätzung und Achtsamkeit hinein, und die Kreise, die sie
ziehen, erinnern dich daran: Was du fühlst, was du brauchst, hat einen festen Platz auf dieser Welt. Genau
darin liegt ein unvergleichliches Gefühl von Selbstannahme – wie das erste Aufblitzen von Sonnenlicht
nach einer langen Nacht.
Für mich fühlen sich gesunde Grenzen an wie das leise Erwachen der Natur im Morgengrauen. Wenn
zartes, beinahe durchsichtiges Nebelgrau langsam von goldenem Licht durchbrochen wird und die
Konturen zum Vorschein kommen – dann weiß ich: Hier bin ich zu Hause. Grenzen sind keine niedrigen
Mauern aus kaltem Granit, sondern eher wie ein verschnörkelter Gartenzaun, der von wild wachsenden
Rosen, lachenden Sonnenblumen oder duftenden Lavendelreihen umrankt ist. Sie erzählen von
Lebendigkeit, von Freude und von dem Mut, sich selbst einen Platz in der eigenen Geschichte
zuzugestehen.
Erst, wenn ich mir erlaube, „Hier ist mein Raum“ zu sagen – leise oder laut, wie es mir gut tut – merke
ich, wie viel Kraft und Kreativität in mir erwachen. Es ist wie ein inneres Aufatmen, wenn ich merke, dass
meine Wünsche, meine Träume und mein Rückzugsort respektiert werden. Jeder liebevoll gezogene
Rahmen öffnet erst die Möglichkeit, ehrliche Verbindung zu anderen zu spüren – denn nur wer für sich
selbst sorgen kann, findet auch echten Zugang zum Du.
Manchmal gleicht das Grenzensetzen einem Gemälde voller Kontraste. Es gibt Momente voller
Sonnenfarben – ein klares, leuchtendes Ja, das wie ein goldgelber Strich über die Leinwand tänzelt. Dann
gibt es aber auch das satte Nachtdunkel, das alles verschlingt, was mich zu sehr fordert. Manchmal
brauche ich das tiefe Rubinrot der Entschlossenheit oder das kühle Blau der Ruhe, um Stand zu halten.
Diese Farbpalette zu kennen und mutig zu nutzen, schenkt mir das gute Gefühl, mein Leben aktiv zu
gestalten, statt es nur zu erdulden.
Ich habe gelernt, mich zu fragen: Wo fühle ich mich sicher? Wo kann ich atmen, wo darf ich mich
entfalten? Es ist wunderschön, wenn aus einem „Nein“ zu anderen ein ehrliches, warmes „Ja“ zu mir
selbst wird. Jedes Mal, wenn ich klar sage, wofür ich stehe, wächst eine neue Blüte im Garten meiner
Seele. Ich spüre: Mein persönlicher Raum ist ein kostbarer Schatz, etwas, das es zu hüten, zu pflegen, zu
ehren gilt – genauso wie ich mich um die Bedürfnisse meiner Liebsten kümmere.
Das wahre Wunder passiert, wenn ich beginne, meine Farben zu zeigen. Dann wird das Unsichtbare
sichtbar: Es ist Zauberei, anderen mitzuteilen, was mir am Herzen liegt – manchmal zittrig, manchmal
bestimmt, immer ehrlich. Wie durch einen Regenbogenfilter verändert sich alles: Die Beziehungen
werden klarer, tiefer, echter. Ich lerne, anderen Vertrauensvorschuss zu geben, ohne mich selbst zu
verlieren. Und umgekehrt wächst mein Verständnis dafür, wo auch die Grenzen der anderen verlaufen –
und auch diese achte ich in derselben sanften Liebe.
Grenzen sind für mich das Zeichen inniger Selbstliebe, eine leise Melodie im Hintergrund meines Lebens.
Sie sind der goldene Rahmen meines ganz persönlichen Meisterwerks. Sie wahren das, was mir heilig ist,
ohne abzuschotten. Wie das Licht, das sich im Morgentau bricht, erlauben sie Nähe und Wärme, ohne je
den Respekt aus den Augen zu verlieren. Sie helfen mir dabei, mein Leben selbstbewusst, lebendig und
bunt zu gestalten, anstatt es an den Wünschen und Erwartungen anderer auszurichten.
Erkenne deine Farben, spüre den Puls deiner Sehnsüchte, betrachte deine inneren Landkarten – und hab
den Mut, deine Linien auf dem großen Bild des Lebens zu ziehen. Übe Freundlichkeit mit dir selbst,
erlaube dir, in leisen und lauten Tönen deine Wahrheit auszudrücken. So entsteht Tag für Tag dein ganz eigener,
leuchtender Raum: ein Kunstwerk, das wächst, das sich verändert – und das du selbst mit Herz und Seele zum Strahlen bringst.
Denn du bist nicht am Rand – du bist der Mittelpunkt deines farbenfrohen Lebensbilds.
Vân Anh Wendler